Donnerstag, 23. Januar 2014

Belagerung und Zerstörung des Helfensteins 1552 Teil 1

Eine Tragödie in drei Akten


Die ehemalige Ulmer Festung Helfenstein wurde im sogenannten Markgräfler Krieg durch List und Erpressung an Ostern 1552 von den Truppen des Markgrafen Alkibiades von Brandenburg-Kulmbach besetzt. Die stattliche Burg über der Stadt Geislingen war zuvor niemals von Feinden eingenommen worden, auch während des Bauernkriegs 1524/25 nicht, in dem viele Burgen und Klöster im Umkreis gebrandschatzt wurden. Und es mutet fast wie eine Laune der Geschichte an, dass die Ulmer ihre eigene Festung belagern und sturmreif schießen mussten, um wieder ihre Herrschaft in Geislingen zu erlangen.

Das Vorspiel
Im Herbst 1551 schlossen eine Reihe von protestantischen Fürsten, vornehmlich Kurfürst Moritz von Sachsen, Landgraf Wilhelm von Hessen, Herzog Albrecht von Mecklenburg und Markgraf Albrecht Alkibiades von Brandenburg-Kulmbach mit dem König von Frankreich Heinrich II. heimlich ein Bündnis gegen den katholischen deutschen Kaiser Karl V.

Ursachen für diese Fürstenverschwörung gegen den Kaiser waren die Stationierung spanischer Truppen in Deutschland nach dem Augsburger Interim von 1548 und die Pläne Karls V., die deutsche Kaiserkrone erblich an das Haus Habsburg unter Bevorzugung der spanischen Linie zu binden.

Die Beweggründe für diese kaiserfeindliche Allianz lagen weniger darin, wie vorgegeben, für die Verbreitung der evangelischen Glaubenslehre und zum Wohl des deutschen Volkes einzutreten, sondern eher darin, die eigenen territorialen Machtbereiche zu erweitern und autonome Machtbefugnisse von der Zentralmacht des Kaisers zu ertrotzen. Dabei waren sich diese protestantischen deutschen Fürsten nicht zu schade, mit dem französischen König und Protestantenfeind Heinrich II. ein Zweckbündnis abzuschließen, was zur Folge hatte, dass die Franzosen in Elsass und Lothringen einfielen und die Bistümer und Reichsfestungen Metz, Toul und Verdun erobern konnten.

Ihre Kriegspläne gegen den Kaiser führten die Fürsten im Frühjahr 1552 auch schnell aus. Ihr Hauptziel war, den Südwesten des Deutschen Reiches unter ihre Kontrolle zu bekommen. Vor allem die drei Reichsstädte und Handelszentren, Nürnberg, Augsburg und Ulm, waren die strategischen Ziele ihrer militärischen Operationen. Dazu war ihnen jedes Mittel recht, sei es List, Verrat oder Gewalt. Nachdem die beiden erstgenannten Reichsstädte nebst Dinkelsbühl, Schwäbisch Hall, Nördlingen und Rothenburg in ihre Hände gefallen waren, zogen sie mit 10.000 Mann am 12. April 1552 von Weißenhorn her auf Ulm zu und forderten die Reichsstadt zur Kapitulation auf.

Ulm blieb jedoch nach Abstimmung seiner Bürger Kaiser und Reich treu, verweigerte die Übergabe und rüstete sogleich zur Verteidigung der Stadt, obwohl die Garnison sehr schwach, dadurch das umliegende Land dem Feind ausgeliefert und kaiserliche Hilfe fern war.

Nach siebentägiger Beschießung und Belagerung und dem Verlust von ungefähr 700 Mann bei der vergeblichen Erstürmung der Reichsstadt zogen die Belagerer schließlich ab, wobei sie das nahe Umland der Stadt verwüsteten.

 
Ein Großteil der kurfürstlichen Heeresmacht zog unter der Führung von Moritz von Sachsen nach Tirol gegen den Kaiser, ein anderer Teil unter den Fürsten von Mecklenburg und Hessen gegen Ravensburg und Stockach. Der Rest der Truppen blieb unter der Führung des Markgrafen von Brandenburg im Ulmer Land, wo weitere 18 Dörfer ausgeplündert und niedergebrannt wurden. Ebenso wurden die Hauptorte des Ulmer Landes, Leipheim, Langenau, Albeck und Geislingen, gebrandschatzt, d.h. entweder wurde eine geforderte Geldsumme sofort bezahlt oder die Stadt wurde niedergebrannt.

Geißlingen mit dem Schloß Helffenstein. Eine der ältesten Darstellungen der Stadt Geislingen und der Burg Helfenstein, 16./17. Jh., kolorierte Federzeichnung, Stadtarchiv Ulm
 
1. Akt: Die unrühmliche Besetzung der Stadt Geislingen und der Festung Helfenstein durch den Markgrafen von Brandenburg-Kulmbach
Geislingen und der Helfenstein wurden in der Osterwoche 1552 von den Truppen des Markgrafen von Brandenburg überrumpelt und ohne Kampf eingenommen. Wie dies vonstatten ging, wurde in einer Chronik überliefert, die sich im Stadtarchiv Ulm befindet und deren Verfasser unbekannt ist, der aber damals ein Augenzeuge der Geschehnisse hier in Geislingen gewesen sein musste. Der Chronik zufolge ging die Einnahme der Stadt und der Burg folgendermaßen vor sich:


Markgraf Albrecht von Brandenburg schickte vorab einen Zug Reisiger, das waren schwerbewaffnete, gepanzerte Reiter, auf Geislingen zu. Ihnen voran ritten drei Kuriere mit einem Trompeter über die Alb vor die Festung Helfenstein und begehrten von der Burgbesatzung den unbeschadeten Durchritt des Reiterzuges, der ihnen auch gewährt wurde.


Die Festung Helfenstein war unter der Führung der beiden Ulmer Burgvögte Mang Kraft und Hochwäher mit 24 Schützen, 4 Wächtern, einem Trompeter und der sechs besten Kriegsleute aus Geislingen besetzt. Die Stadt Geislingen selbst war dagegen unbesetzt.


Die brandenburgischen Kuriere ritten dann zur Stadt hinunter und benachrichtigten Hans Ehinger, den hiesigen Ulmer Vogtverwalter, und die Geislinger, daß ein 'reißiger Zug' durchziehe, den man nicht in die Stadt lassen, sondern hinten hinab weisen soll. Der Zug ritt still und ohne allen Schaden hinter der Stadt, also entlang der Westseite vorbei und besetzte die vier Dörfer im Filstal unterhalb der Stadt.

In der Chronik heißt es weiter: 'Es blieb aber ein Oberster mit 40 Pferdten in der Stadt Geislingen. Da es Abend war, ließ er noch wohl 80 Pferdt zu ihm auß den Dörfern in die Stadt kommen; das die von Helfenstein nit sehen konnten, das geschah am Oster Aftermontag (Dienstag).'



Hier ist der Chronist, wahrscheinlich der Geislinger Vogtverwalter Hans Ehinger selbst, ziemlich ungenau. Zunächst ist lediglich von einem Vorbeizug der Reiter an der Stadt die Rede, dann allerdings bleibt plötzlich ein Oberster mit vierzig Reitern als Besatzung in der Stadt, denn mit dem Begriff 'Pferdten' kann nichts anderes gemeint sein als eine Abteilung des Reiterzuges. Und am Abend des Dienstag nach Ostern werden weitere 80 Reiter heimlich in die Stadt gelassen.


Was war zwischenzeitlich passiert? Was verschweigt der Chronist wohl absichtlich? Hat sich etwa der gutgläubige Geislinger Vogtverwalter überrumpeln lassen, als der Reiterzug ankam und der Oberst mit seinen 40 Reitern in die Stadt einrückte? Oder wurde der vielleicht gar nicht so gutgläubige Ulmer Vogtverwalter von den drei Kurieren unter Bedrohung seines Lebens zur Übergabe der Stadt gezwungen?


Man weiß es nicht. Jedenfalls ist es offensichtlich, dass die Stadt durch Arglist von dem Brandenburger okkupiert wurde, denn in derselben Nacht um 10 Uhr kamen noch vier Fähnlein Fußvolk in die Stadt, was vom Helfenstein aus ebenfalls unbemerkt blieb. Und nachdem anderntags noch zwei Regimenter Landsknechte durch Geislingen zogen und unterhalb der Stadt auf den Lauffenwiesen ihr Lager aufschlugen, ritt der Markgraf selbst in Geislingen ein.







 











Albrecht Alkibiades von Brandenburg-Kulmbach (1522 – 1557), Belagerer von Ulm und Eroberer des Helfensteins. Kupferstich, undatiert, Stadtarchiv Geislingen
 


Nach Arglist und Täuschung setzte nun der Markgraf Erpressung und Androhung von Gewalt ein, um die ulmische Besatzung des Helfensteins zum Einlenken zu bewegen, und es wird berichtet:
'Und auf den Donnerstag am Morgen luß (ließ) er denen zu Helfenstein anzeigen, daß alle Burger aus Geißlingen auß dem Schloß herab in die Stadt zu ihrem Hab und Gut zihen sollen oder ihre Häußer müssen brennen mit Feuer. Da ließendt die Burgvögte die von Geißlingen heraus, häts Mancher nit thun, wenn er Burgvogt wär geweßt. Da erfuhr der Markgraf alle Sach, und begehrte darnach das Schloß auf; doch den Burgvögten zween Spital-Wägen geladen mit ihrem Gut wollt er ihnen heraus lassen, und die anderen mit gewehrter Hand und Fried und Glait ziehen lassen. Das nahmen die von Helfenstein an und gaben das Schloß auf. Da war ein Geschrei unter dem gemeinen Mann der in das Schloß geflüchtet hat all sein Hab und Gut. Und da man das Schloß aufthat, ließ man niemand hinein dann die zween Wägen, und die markgräf'schen Herren waren im Hof gestanden, daß die zween Wägen flugs geladen und wieder hinaus kämen; und alsdann wurde Helfenstein geplündert. Der Markgraf zog alsdann hinweg und besezte das Schloß mit 29 Rotten Schützen und wardt Oberst der Sylvester Hornung und über die Reiterei wardt Balthuß Reysensteiner verordnet. Und also war das Schloß besezt und Spieß und Büchsen und was man dörfte, nahmen sie zu Geißlingen.'

 


Montag, 10. Juni 2013

Das Geislinger Kinderfest


Das Geislinger Kinderfest - seit 1428 eines der ältesten Stadtfeste in Südwestdeutschland

Das Geislinger Kinderfest ist einwandfrei das Heimatfest, das in unserer Stadt und ihrer weiteren Umgebung die historisch am weitest in die Vergangenheit zurückreichende Tradition besitzt. Mit der einzigartigen Tradition dieses Geislinger 'Nationalfestes' lassen sich höchstens noch vergleichen das Ravensburger Ruten- und das Biberacher Schützenfest, keinesfalls jedoch das Göppinger Maienfest, dessen Überlieferung anderen Ursprunges ist.

Die Reichsstadt-Ulmischen Herrschaftspfleger verhandelten am Freitag, den 29. August 1679 über den 'Tantz der Geislingischen Schuolkinder'. Sie beschlossen dabei:

'... 3. wird nicht allein den Schuolkindern zu Geislingen ihren jährlichen Tantz auf der Steingruben, nach dem Friedensfest anzustellen, ...'

Aus dem Text des Beschlusses geht hervor, dass die Ulmer Herren diesen Tanz der Schulkinder nicht zum ersten Mal erlauben, sondern nur eine alte, unterbrochene Tradition wieder aufnehmen. Das 'ihren Tantz' will nichts anderes sagen als, dass der Tanz bereits 1679 Tradition ist.

Bei der Anordnung über die Durchführung des Festes heißt es im Beschluss des Rats: 'am folgenden Montag fürohin in den latein. und teutschen Schuolen, mit betten und singen schuldige Devotion abgelegt und nachmittag der Schul Jugend vacanz gelassen, ...'

Es ist der Montag nach Jakobi, dass in Geislingen die Schuljugend ihren, seit langer Zeit veranstalteten, jährlichen Tanz wieder abhalten darf. Der endlich abgeschlossene Frieden von Nymwegen und ein außerordentlich fruchtbares Jahr mag die Eltern und Schüler zum ersten Mal wieder zum 'Festen' veranlasst haben und gerne gab dazu der Rat auch seine obrigkeitliche Erlaubnis. In den folgenden Jahren und auch den vorhergegangenen Jahren wurde immer am Montag nach Jakobi das 'alljähliche Kinderfest', wie es in einer Rechnung aus dem Jahre 1824 erstmals heißt, abgehalten.

Zuvor fand sich in den Geislinger Rechnungen und Beilagen der Stiftungspflege des früheren Hospitals der Begriff 'Berg' oder 'Schulberg' für das Kinderfest. Zum ersten Mal konnte er nachgewiesen für das Jahr 1732 werden. Diese Bezeichnung geht auf das einstige Ulmer Kinderfest oder den 'Schulberg' zurück, die sich in Ulm bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Es war ein Fest der lateinischen und ab 1531 mit der Einführung der 'Teutschen Schulen' im Zuge der Reformation auch der 'teutschen' Volks-Schuljugend, das anfänglich auf dem Michelsberg in Ulm gefeiert wurde; daher der Name 'Berg' oder 'Schulberg'.




Kinderfest im Stadtpark um 1925



C. F. D. Schubart schildert den Festtag der Geislinger Schuljugend übrigens in einem Brief vom 24. Juli 1768, als einen Tag
'zum Tanzen, zum Springen,
 zum Lachen, zum Singen,
 zum Geigen und Blasen,
 zum Schreien, zum Rasen,
 zum Essen, zum Trinken, zur Lust.
 Es hüpfet voll Freude die Brust.'

Für Geislingen ist aber noch ein weiterer Gesichtspunkt interessant und der Beachtung würdig. Im Jahre 1428 wurde die heute evangelische Stadtkirche durch den Weihbischof von Konstanz geweiht, wie eine Urkunde im Hauptstaatsarchiv Stuttgart beweist. Aus dieser Urkunde geht deutlich hervor, dass sich der Bischof vom 22. bis 24. Juli 1428 in Geislingen aufgehalten hat. Die Kirchweihe als Fest wurde in Geislingen bis ins 19. Jahrhundert hinein am Sonntag vor Jakobi gefeiert. Oberlehrer Georg Maurer erklärte, dass früher das Kinderfest auch im Volksmund 'Kinderkirbe' genannt worden sei. Und Pfarrer Klemm schreibt:

 'Es ist also eine ganz richtige Erinnerung, wenn das je am Montag nach Jakobi gefeierte Kinderfest zusammen mit dem Sonntag zuvor die 'Kirchweih' betitelt wird.'

Das Geislinger Kinderfest, der 'Schulberg' und die 'Kinderkirbe' gehen bis ins Mittelalter zurück als die verschiedenen Bezeichnungen für ein Fest, und das Kinderfest ist traditionsgemäß schon immer, mit einigen wenigen Ausnahmen aus besonderen Anlässen, am Montag, und bis 1919 am Montag und Dienstag nach Jakobi gefeiert worden.

Weder Unterbrechungen in Kriegszeiten, noch der Übergang der Stadt Geislingen von der ulmischen Herrschaft zur bayrischen und dann zur württem-bergischen, noch Angriffe auf die Ausgestaltung des Festes im 19. Jahrhundert konnten an dieser fortdauernden Tradition rütteln.

Infolge der über rund 500 Jahre bestehenden eigenständigen Tradition des Geislinger Kinderfestes, hat es bis heute seinen eindeutigen Charakter als echtes Geislinger Heimatfest bewahrt, zu dem von überallher, nicht zuletzt aus dem Ausland, ehemalige Geislinger in ihre Heimatstadt kommen, um wie ehemals zu Schulzeiten eben auch ein Wiedersehen mit Freunden und Bekannten zu feiern.
Literatur:
Schmolz, Helmut: Das Geislinger Kinderfest, in: Eine Stadt im Wandel, 1810-1938: Die württembergische Oberamtsstadt Geislingen, S. 63 ff.

Donnerstag, 23. Mai 2013

Die Anfänge der WMF in Geislingen


Vor 160 Jahren: Die Gründung der Plaquéwarenfabrik Straub & Schweizer im Jahre 1853


Wie schon 1850 mit der Maschinenfabrik aus seiner Kapellmühle heraus gelang es Daniel Straub bereits drei Jahre später wiederum auf dem Gelände der verfallenen Lenz'schen Ölmühle in den Lauffenwiesen unterhalb der Stadt eine Fabrik zu gründen, die heute als Württembergische Metallwarenfabrik nach 160 Jahren mit ihren Produkten weltweit hohes Ansehen genießt.


Der Hintergrund



1836 heiratete Daniel Straub Catharina Oechsle, die jüngere der beiden Töchter des Geislinger Kapellmüllers. Sein ansehnliches Heiratsgut ermöglichte es ihm, mit seiner Frau die Kapellmühle und deren umfangreichen landwirtschaftlichen Grundbesitz zu erwerben. Zu den Liegenschaften der Kapellmühle gehörte eine Wiese auf den unteren Laufen. Um sie abzurunden und eine Wasserkraft anzulegen, erwarb Daniel Straub 1840 ein Grundstück an der Rohrach auf dem die Lenz'sche Ölmühle sich befand.


Unablässig und uneigennützig bemühte er sich, einen Unternehmer für eine Fabrikansiedlung zu gewinnen, um seinen Mitbürgern Arbeit und Brot zu verschaffen. Im Frühjahr 1852 zeigten die Zürcher Spinnereiunternehmer Staub Interesse an der Wasserkraft. Sie wollten eine Baumwollspinnerei errichten. Da aber Wässerungsrechte der angrenzenden Wiesenbesitzer dem Plan entgegenstanden und sich nicht so rasch beschränken oder gar beseitigen ließen, die Wasserkraft dazu nicht konzessioniert war, gaben sie einem gleichfalls von Straub vorgeschlagenen Standort an der Fils bei Altenstadt den Vorzug.

Wohl erst jetzt entschloß sich Daniel Straub, die Wasserkraft selbst zu nutzen und hatte die Absicht dort unten vor der Stadt ein Kupferwalzwerk zu errichten. Doch Ferdinand Steinbeis, der unermüdliche Wegbereiter der Industrialisierung Württembergs und Förderer der Geislinger Elfenbeinschnitzer hatte den Geislinger Unternehmer auf die erfolgversprechende Branche der Plaquéwarenherstellung aufmerksam gemacht, die in einem Bericht über die Leipziger Industrieausstellung 1850 beschrieben vorlag.
Plaquéwaren – also Hohl- und Gebrauchswaren, die aus silberplattiertem Kupferblech hergestellt wurden – fertigten um 1850 Bruckmann & Söhne in Heilbronn, Rau & Cie. in Göppingen und Carl Deffner in Esslingen, letzterer seit 1830 - als wohl erster in Deutschland. Seit der Eheschließung besaß Daniel Straub ein silberplattiertes Besteck.

 

Die Metallwarenfabrik Straub & Schweizer, Geislingen;
gemalt von A. Kappis um 1860.
Das Bild zeigt die Metallwarenfabrik einige Jahre nach ihrer Gründung.


Die Fabrikgründung


Den entscheidenden Anstoß zur Gründung einer Plaquéfabrik gab wohl der fast gleichaltrige und gebürtige Geislinger Friedrich Schweizer. Ihn und dessen Bruder Louis gewann Daniel Straub als Partner. Der gelernte Metalldreher besaß durch seine jahrzehntelange Tätigkeit bei Deffner und Rau die erforderlichen Fachkenntnisse, dazu wohl auch etwas Kapital. Ungeachtet des noch anhängigen Wässerungsstreits beantragten Straub & Schweizer die Errichtung eines Kupfer- und Messingwalzwerks mit Dreherei und Drückerei und erhielten am 7. Juni 1853 die Genehmigung.


Im Herbst 1853 stellten sie zwei kleinere Pressen der Maschinenfabrik und Eisengießerei Gebrüder Benckiser in Pforzheim auf, und Ende des Jahres lagen die ersten Plaquéwaren vor. 1854 beteiligte sich die Metallwarenfabrik Straub & Schweizer mit einem Sortiment silberplattierter Waren an der Münchner Industrieausstellung. Im gleichen Jahr konstruierte Straub in seiner mechanischen Werkstätte eine große Doppelpresse für die Plaquéfabrik. Das Produktionsprogramm umfaßte Waren aus Messing, Kupfer und Plaqué, wie Teekessel, Leuchter, Lampen und Chaisenlaternen sowie diverse Haus- und Küchengeräte. Bis 1856 vervierfachte sich die Zahl der Arbeiter auf 60, die mechanische Werkstätte beschäftigte 30 Arbeiter. Die Metallwarenfabrik wurde bereits 1858 mit ca. 57 000 Gulden Wert eingeschätzt. Zusammen mit seiner Kapellmühle und der dazu gehörigen Maschinenfabrik war Daniel Straub mit einem Vermögen von 123 000 Gulden der höchstbesteuerte Bürger Geislingens.



Büste von Daniel Straub, gefertigt von David Fahrner, 1950
1866 schied Friedrich Schweizer aus der Plaquéfabrik aus, und Daniel Straub mußte seinem Partner und Teilhaber innerhalb von zehn Jahren 90 000 Gulden ausbezahlen. Die Metallwarenfabrik zählte zu dieser Zeit etwa 120 bis 140 Beschäftigte und war mit 78 000 Gulden eingeschätzt. Der hohe Abfindungsbetrag dürfte mehr in der glänzenden wirtschaftlichen Entwicklung der Metallwarenfabrik und einem guten Teilhabervertrag zu suchen sein als in Schweizers eingebrachtem Kapital. Daniel Straub nahm seinen Sohn Heinrich in das Geschäft herein und firmierte nun als Metallwarenfabrik Straub & Sohn Geislingen.


1880 entstand dann aus dem zu einer Industriegesellschaft umgewandelten Straub'schen Familienbetrieb in Fusion mit der Esslinger Firma Ritter & Co. die heutige WMF - Württembergische Metallwarenfabrik AG.

Übrigens: Noch bis weit in die 1960er Jahre hinein war die volksmündliche Bezeichnung 'Plagge' für die WMF bei den Geislingern Arbeitern Gang und Gäbe. Sie geht auf die anfängliche Plaquéwarenfabrik zurück und hat den ironischen Nebensinn von Plage.

 

Sonntag, 17. Februar 2013

Einladung: Auftakt zur Messkampagne 2013 auf der Stubersheimer Alb

Das Römisch Germanische Zentralmuseum Mainz und das Ludwig Boltzmann Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie aus Wien (http://archpro.lbg.ac.at) führen derzeit ein Forschungsprojekt zur großflächigen, zerstörungsfreien archäologischen Untersuchung der Stubersheimer Alb um Bräunisheim, Schalkstetten und Stubersheim durch. Bereits im März 2011 waren einige außergewöhnliche Gerätschaften im wissenschaftlichen Einsatz der Archäologie auf der Stubersheimer Alb unterwegs.
Magnetometer (Foto LBI ArchPro)
Es handelt sich dabei um spezielle Messgeräte die von Quads auf langen unmagnetischen Messwagen übers Feld gezogen werden. Die Messsensoren zeichnen dabei ähnlich einem Scanner das Erdmagnetfeld auf. Geringfügige Abweichungen im Erdmagnetfeld können am Computerbildschirm ähnlich einem Röntgenbild sichtbar gemacht werden. In diesen Bildern können Spezialisten die Überreste unserer Vorfahren erkennen, wie vor zwei Jahren eine römische Villa. Wir wissen derzeit noch sehr wenig über die Geschichte der Stubersheimer Alb um Bräunisheim, Schalkstetten und Stubersheim. Zahlreiche archäologische Funde belegen eine Besiedlung seit der Steinzeit. Wir versuchen nun die im Boden verborgenen Reste der Siedlungen wie Gruben, Gräben, Hausgrundrisse etc. zu lokalisieren. Dazu müssen die Messungen flächendeckend durchgeführt werden. Fundobjekte können mit den Messsystemen nicht lokalisiert werden. Die Stubersheimer Alb ist archäologisch gesehen noch immer weitgehend unerforscht. Umso spannender ist der großflächige Einsatz dieser zerstörungsfreien Methoden um genau diese Lücken zu füllen. Das Ziel des Forschungsprojektes ist es die Geschichte der Orte Bräunisheim, Schalkstetten und Stubersheim von der Steinzeit bis heute neu zu schreiben. Die Ergebnisse des Jahres 2011 waren nicht nur vielversprechend, sondern haben auch schon ein paar konkrete Fragen der Forscher beantworten können. Es konnten die aus Schriftquellen bekannten verwüsteten mittelalterlichen Dörfer Dietlinsweiler und vermutlich auch die Wüstung Wohlgradweiler wieder entdeckt werden.


Wir möchten insbesondere die Grundeigentümer und Landwirte gerne persönlich über die ersten Ergebnisse und die weiteren 2013 geplanten Messungen im Rahmen dieses Forschungsprojektes informieren. Wir laden daher alle betroffenen Grundeigentümer und jeden interessierten Bürger zu einer Informationsveranstaltung am Freitag, 22. Februar 2013, in die Mehrzweckhalle in Schalkstetten, um 20 Uhr ein.

PD Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Neubauer
Direktor des Ludwig Boltzmann Instituts


Dr. Rainer Schreg
Römisch Germanisches Zentralmuseum Mainz
Mag. Karolin Kastowsky-Priglinger
Projektverantwortliche LBI ArchPro

Samstag, 9. Februar 2013

Merkblatt betreffend Vorgeschichtsfunde



Das Merkblatt wurde in Geislingen an der Steige erarbeitet und wahrscheinlich im ehemaligen Oberamt Geislingen (heute im wesentlichen Teil des Landkreis Göppingen) verteilt. Es trägt leider kein Datum. Es lässt sich jedoch durch die Nennung von Kreisleiter Decker auf den Zeitraum von 1932 bis 1937 eingrenzen.

Georg Burkhardt (1876-1967) war Gründer des Geschichts- und Altertumsvereins in Geislingen sowie des dortigen Heimatmuseums. Bevor Burkhardt als Gymnasiallehrer nach Geislingen kam, war er in Ehingen tätig und hat sich in Archäologenkreisen einen Namen mit den im Auftrag der Reichslimeskommission durchgeführten Grabungen im Kastell Rißtissen und schließlich in Emerkingen gemacht.


Theodor Wurm (1892-1966) war Oberforstmeister in Geislingen und Herausgeber einer Stadtgeschichte von Wiesensteig.

Im Unterschied zu Burkhardt und Wurm ist Friedrich Decker (1840-1951) nicht durch eigene Arbeiten zur Regionalgeschichte hervorgetreten. Als Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs war er seit 1923 Mitglied der NSDAP und wurde 1932 ehrenamtlicher Kreisleiter. Beruflich war er Postamtmann in Geislingen. 1937 wurde er mit der Zuschlagung des Kreises Geislingen zu Ulm wegen parteiinterner Zerwürfnisse als Kreisleiter abgesetzt, blieb jedoch in der NSDAP aktiv und beantragte 1943 die Aufnahme in die SS.
Seine Rolle als Pfleger in Geislingen ist mir bislang unklar.

Interessant erscheint mir, dass sich hier die Partei direkt in das Geschäft der Denkmalpflege eingeschaltet hat. Mir sind nur zwei Episoden der regionalen Forschungsgeschichte bekannt, in der nationalsozialistische Germanentümelei durchbrach: Einerseits die Deutungen der Reliefspolien an der Kirche in Kuchen und andererseits der "Fund" von Hakenkreuzdarstellungen, die man den römischen Inschrift- und Statuenfunden von Gingen untergeschoben hatte. Burkhardt unternahm in den 1930er Jahren mit Hilfe des Reichsarbeitsdienstes Grabungen auf Burg Helfenstein, die jedoch bereits vor der Machtergreifung begonnen hatten. Mit Georg Burkhardt und Albert Kley waren in Geislingen zwei - nach damaligen Maßstäben - Fachleute tätig, die der politischen Instrumentalisierung der Vorgeschichte kritisch gegenüber standen. Nach Aussagen von Albert Kley gingen die Grabungen an der Schuntershöhle auf die Initiative von Georg Burkhardt und Ephorus Kapff aus Bad Urach zurück. Mit der Erforschung des Mesolithikums wähnte man sich auf ideologisch neutralem Boden.

Die Empfehlungen des Merkblatts zur Dokumentation sind auch aus damaliger Sicht ungenügend. Zwar wird eine Lageskizze und eine Beschreibung des Bodens eingefordert, aber die Bedeutung von Bodenverfärbungen wird nicht genannt - obwohl sie Burkhardt bekannt gewesen sein müssen -, ebenso wenig wie ein Hinweis auf die Bedeutung des Kontextes gegeben wird. Die Beobachtung von Grabinventaren war damit nicht gewährleistet. Wie Fundbergungen alamannischer Gräber in jenen Jahren zeigen, achtete Burkhardt aber sehr wohl auf solche Kontexte.



Literaturhinweis
  • C. Arbogast, Herrschaftsinstanzen der württembergischen NSDAP. Funktion, Sozialprofil und Lebenswege einer regionalen NS-Elite 1920-1960. Nationalsozialismus und Nachkriegszeit in Südwestdeutschland 7 (München 1998) bes. 160ff.
  • R. Schreg, Zur archäologischen Situation auf Burg Helfenstein. In: H. Gruber/W. Lang/R. Schreg u. a. (Hrsg.), Von Gizelingen zum Ulmer Tor. Spurensuche im mittelalterlichen Geislingen. Begleitheft zur 9. Geislinger Weihnachtsausstellung (Geislingen a.d. Steige 1993) 37 (online).
  • R. Schreg, Albert Kley – der Archäologe. In: G. Currle/H. Gruber (Hrsg.), Viele Wege und ein Ziel. Albert Kley zum 100. Geburtstag (Geislingen 2007) 84–124 (online)
Interne Links
Rainer Schreg
(nachgebloggt von Archaeologik [10.2.2012])