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Sonntag, 17. Februar 2013

Einladung: Auftakt zur Messkampagne 2013 auf der Stubersheimer Alb

Das Römisch Germanische Zentralmuseum Mainz und das Ludwig Boltzmann Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie aus Wien (http://archpro.lbg.ac.at) führen derzeit ein Forschungsprojekt zur großflächigen, zerstörungsfreien archäologischen Untersuchung der Stubersheimer Alb um Bräunisheim, Schalkstetten und Stubersheim durch. Bereits im März 2011 waren einige außergewöhnliche Gerätschaften im wissenschaftlichen Einsatz der Archäologie auf der Stubersheimer Alb unterwegs.
Magnetometer (Foto LBI ArchPro)
Es handelt sich dabei um spezielle Messgeräte die von Quads auf langen unmagnetischen Messwagen übers Feld gezogen werden. Die Messsensoren zeichnen dabei ähnlich einem Scanner das Erdmagnetfeld auf. Geringfügige Abweichungen im Erdmagnetfeld können am Computerbildschirm ähnlich einem Röntgenbild sichtbar gemacht werden. In diesen Bildern können Spezialisten die Überreste unserer Vorfahren erkennen, wie vor zwei Jahren eine römische Villa. Wir wissen derzeit noch sehr wenig über die Geschichte der Stubersheimer Alb um Bräunisheim, Schalkstetten und Stubersheim. Zahlreiche archäologische Funde belegen eine Besiedlung seit der Steinzeit. Wir versuchen nun die im Boden verborgenen Reste der Siedlungen wie Gruben, Gräben, Hausgrundrisse etc. zu lokalisieren. Dazu müssen die Messungen flächendeckend durchgeführt werden. Fundobjekte können mit den Messsystemen nicht lokalisiert werden. Die Stubersheimer Alb ist archäologisch gesehen noch immer weitgehend unerforscht. Umso spannender ist der großflächige Einsatz dieser zerstörungsfreien Methoden um genau diese Lücken zu füllen. Das Ziel des Forschungsprojektes ist es die Geschichte der Orte Bräunisheim, Schalkstetten und Stubersheim von der Steinzeit bis heute neu zu schreiben. Die Ergebnisse des Jahres 2011 waren nicht nur vielversprechend, sondern haben auch schon ein paar konkrete Fragen der Forscher beantworten können. Es konnten die aus Schriftquellen bekannten verwüsteten mittelalterlichen Dörfer Dietlinsweiler und vermutlich auch die Wüstung Wohlgradweiler wieder entdeckt werden.


Wir möchten insbesondere die Grundeigentümer und Landwirte gerne persönlich über die ersten Ergebnisse und die weiteren 2013 geplanten Messungen im Rahmen dieses Forschungsprojektes informieren. Wir laden daher alle betroffenen Grundeigentümer und jeden interessierten Bürger zu einer Informationsveranstaltung am Freitag, 22. Februar 2013, in die Mehrzweckhalle in Schalkstetten, um 20 Uhr ein.

PD Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Neubauer
Direktor des Ludwig Boltzmann Instituts


Dr. Rainer Schreg
Römisch Germanisches Zentralmuseum Mainz
Mag. Karolin Kastowsky-Priglinger
Projektverantwortliche LBI ArchPro

Freitag, 21. Dezember 2012

23. Mai 1809: Scharmützel bei Amstetten

Vor kurzem wurde in Amstetten bei Geislingen an der Steige ein Silexfund dem Kunst- und Geschichtsverein angezeigt. Nach gründlicher Untersuchung des Fundes stellte sich heraus, dass es sich um eine Flintstein handelt, der zum Funkenschlagen bei Steinschlossgewehren der napoleonischen Kriege gebräuchlich war. Diese Fund ist nun der Anlass, sich an ein Scharmützel zu erinnern, das am 23. Mai 1809 bei Amstetten oberhalb von Geislingen statt gefunden hat.



Das Titelblatt der 'Allgemeinen Hauss Chronick' 1815
von Johann Daniel Kemmel


Eine nähere Beschreibung der dortigen Vorgänge hat Johann Daniel Kemmel, Bäckermeister in Geislingen, in seiner 'Allgemeinen Hauss Chronick' von 1815 aufgeschrieben. Seine Chronik beginnt zwar im Jahre 1815, aber in seinen voran gestellten Erinnerungen an besondere geschichtliche Begebenheiten in und um Geislingen wird von ihm eben dieses kriegerische Ereignis wie folgt geschildert:

"Da wir nun Bairisch waren so wurde nach Landessitte auch die hiesige Bürgerschaft zu einem Bürgermilitär Organisirt, und dieses bestunde aus einem Corps Schützen und 2 Compagnien Füselier, ganz Heldenmäßiger Mannschaft. Am Pfingstmontag 1809 kam die Nachricht hierher, es kommen Östreichische Truppen aus dem Tirol über die Alp zu uns und begehren durch zu ziehen, so gleich wurde das Bürger Militär unter die Waffen gerufen, und die Thore dobelt mit Wache besetzt, die Schützen aber Campirten die ganze Nacht im Feld, und besetzen die Strase von dem übern Thor bis an die Staig. Nun lag aber auch ein Bairischer Hauptmann hier mit ungefehr 80 Mann, dieser ging mit seinen Leuten die Staige hinauf und besetzte den Ziegelwald. Die Nacht wurde nun in banger Erwartung zugebracht, mann lud nichts als Mistwagen und verrammelte damit das Obere Thor und den Ziegelwald. Denstag Morgens um 5 Uhr kam wieder Nachricht das Sie nun anrücken würden, so gleich wurde Lerm geschlagen, und die ganze Bürgerschaft Ruckte nun vollends aus unter das Oberthor, nun kammen aber die Östreicher und Rückten gegen den Ziegelwald an, darauf lies der Bairische Hauptmann der sich mit seinen Leuthen darinn versteckt hielt die Trommel Rühren, und seine Leute losfeuren worauf sich die Östreicher etwas zurück zogen, doch bald wieder halt machten, nun wurde das Feuern algemein, aber der Gute Hauptmann wurde zuerst verwundet, und fiel, wo bey noch mehrere seiner Leute blesirt wurden auch hatten sie wenig Munition und mußten nun weichen, und diese zogen nun durch den Ziegelwald, doch gleich darauf zogen die Geißlinger Bürger die Staige hinauf und Streiften umher machten auch noch bey Amstedt 2 Husaren samt den Pferden gefangen. Die Bürgerschaft bekam nun ein Belobigungsschreiben, und 3 Verdienst Medalion, von Ihre Königlicher Maiestet von Baiern. Wie nun dieser Krieg wieder geendigt war, so traf uns wieder das Los bey der Ländervertheilung, das wir an die Grone Wirttemberg abgegeben wurden, und so seyn wir nun Würtembergisch bis auf den heutigen Tag nehmlich November 1810."

Das ehemalige Ulmer Reichsstadtgebiet ist mit der Stadt Geislingen nach dem Reichsdeputationshauptschluss 1802 an das Königreich Bayern gefallen. Die Stadt wurde Verwaltungszentrum des neuen bayerischen Landgerichts Geislingen, vergleichbar mit dem Status der späteren württembergischen Oberamtsstadt Geislingen. Die Kemmel'sche Schilderung der damaligen Ereignisse gibt uns heute noch einen Einblick in die Lebenssituationen der Menschen in diesen Kriegszeiten.


Literatur:
Bauer, Karlheinz: Geschichte der Stadt Geislingen, Bd. 2, S. 16ff.
Kemmel, Johann Daniel: Die 'Allgemeine Hauss Chronick', in: Gruber. H., u.a.: Eine Stadt im Wandel - 1810-1938: Die württembergische Oberamtsstadt Geislingen, 1998, Veröffentlichung des Stadtarchivs Bd. 15, S. 11ff.
Schuhholz, Albert: Geislingen unter Baierischer Herrschaft, in: Gruber. H., u.a.: Eine Stadt im Wandel - 1810-1938: Die württembergische Oberamtsstadt Geislingen, 1998, Veröffentlichung des Stadtarchivs Bd. 15, S. 25ff.

Schießerei bei Amstetten

Amstetten (UL), Aurain
(Foto: S. u. C. Paulus, Amstetten, mit freundl.
Genehmigung)

In Flur Aurain bei Amstetten wurde als Lesefund ein Silexartefakt gefunden und dankenswerterweise mit der Vermutung, es handele sich um ein steinzeitliches Messerchen, dem Kunst- und Geschichtsverein in Geislingen gemeldet.

Aufgrund der gelblichen Farbe des mit kleinen Mikrofossilien durchsetzten Rohmaterials, der kantigen Grundform an einer offenbar etwas dickeren Klinge und vor allem aufgrund der tiefen, beidseitigen Retuschen an den Kanten, die vielfach feine Rostspuren aufweisen, erweist sich das Stück als ein stark genutzter neuzeitlicher Flintenstein. Leider also kein Steinzeitmesser. Entsprechende Stücke kamen vor allem in napoleonischer Zeit in großer Zahl nach Südwestdeutschland, waren aber auch schon seit dem 16. Jahrhundert im Einsatz. Sie dienen zum Schlagen des Zündfunkens bei Steinschlossgewehren.

Hartmut Gruber weist darauf hin, dass es durchaus sein könnte, dass der Flintenstein aus einer Flinte eines französischen oder österreichischen Soldaten herstammt, denn dort bei Amstetten gab es Anfang Juni 1809 ein Scharmützel zwischen den beiden verfeindeten Parteien. Das bayerische Regiment des Geislinger Bürgermilitärs mischte tatkräftig auf Seiten der Franzosen mit. Die Österreicher wurden in die Flucht geschlagen, wobei einige Gefangene gemacht wurden. Solche Identifikationen archäologischer Funde mit konkreten Ereignissen sind freilich immer schwierig. Da das Militär die Flintensteine nach wenigen Schuß ausgetauscht hat, könnte vorliegendes Stück am ehesten von einer Jagdwaffe stammen.

Die Geislinger Oberamtsbeschreibung nennt interessanterweise die Gewinnung von Feuersteinen aus dem auf der Alb anstehenden Feuersteinlehm (OAB Geislingen, 54). Alle mir bei Begehungen bekannt gewordenen Flintensteine aus der Region (es sind nicht viele, aber sie sind eben auch nicht ungewöhnlich) gehören aber dem gelblichen Rohmaterial an, das wahrscheinlich aus der Gegend um Maastricht stammt. Der Neufund fügt sich gut in dieses Bild ein und unterstreicht, wie sehr man trotz lokaler Feuersteinvorkommen auf Importflintensteine gesetzt hat.

Es ist immer wichtig, dass Funde der Wissenschaft bekannt werden - die regionalen Vereine sind da keine schlechte Anlaufstelle. Am besten ist aber immer eine Meldung an die Denkmalpflegeämter, im Falle von Amstetten ist das das Regierungspräsidium in Tübingen, im Kreis Göppingen das RP in Stuttgart (konkret Ref. 86 im Landesamt für Denkmalpflege in Esslingen) oder die Kreisarchäologie Göppingen. Dort werden umfangreiche Fundakten geführt, die schließlich auch die Grundlage für siedlungsgeschichtliche Auswertungen bieten.

Mit bestem Dank an die Finder S. u.C. Paulus und an Hartmut Gruber für seinen Hinweis auf die Ereignisse 1809

Literaturhinweise
  • N. Kenmotsu, Gunflints: A study. In: D.R. Brauner (Hrsg.), Approaches to Material Culture Research for Historical Archaeologists (California, Penn 2000) 340-372 (online bei der Society for Historical Archaeology)
  • J. Weiner, Flintensteine. In: H. Floss, Steinartefakte (Tübingen 2012) 961-972.

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Rainer Schreg