Dienstag, 2. Juni 2015

Freitag, 9. Januar 2015

Donnerstag, 21. August 2014

Die Steigen rund um Geislingen


Die Steigen rund um Geislingen
Hier war die Fahrt beschwerlich für Mensch und Tier.

Geislingen liegt eingebettet im Zentrum einer Talspinne, die von fünf Tälern gebildet wird. Wer hier im Talkessel ankommt, muss zwangsläufig einen Albaufstieg zur Weiterfahrt wählen. Rund um Geislingen gibt es in alle Richtungen solche Albaufstiege, die hinauf auf das rund 120m höher gelegene Hochplateau der Schwäbischen Alb führen.
 
Luftbild von Geislingen, 1990. Man erkennt deutlich die fünf Täler die hier eine sternförmige Talspinne bilden. Vom Talgrund aus führen die Fahrsteigen hinauf auf das Plateau der Schwäbischen Alb

Diese Fahrsteigen gab es seit alters her. Sie waren einerseits die notwendigen Hauptverkehrswege für den Fernhandel, die von und zu ferneren Zielorten führten, andererseits auch die Nahverkehrsstraßen, die die umliegenden Albdörfern mit der Stadt Geislingen im Talkessel verbinden mussten.

So verband die Alte Weiler Steige schon zur Römerzeit Cannstatt mit Heidenheim, Günzburg und Augsburg und führte im Mittelalter zu den Dörfern Weiler, Schalkstetten, Stubersheim, Bräunisheim bis nach Gerstetten und Langenau.
 
Geislingen um 1850, Lithographie von F. Fleischhauer, Ausschnitt. Links der beiden Lokschuppen des Geislinger Bahnhofs sieht man, wie sich die steile Weiler Steige den Hang hinauf schlängelt. Im Vordergrund verläuft der damals baumbestandene Altenstädter Bühl, die heutige Bahnhofstraße, die die Zufahrtsstraße zur ältesten, seit der Römerzeit bestehenden, Weiler Steige war.


Seit dem Mittelalter führte die Reichsstraße von Esslingen über die Stadt Geislingen durchs Rohrachtal, die Geislinger Steige hinauf, nach Ulm. Zugleich war sie Wegverbindung zu den Dörfern Amstetten, Reuti, Ettlenschieß, Urspring und Lonsee.

Ähnliches galt für die Türkheimer Steige, die den Weg nach Laichingen und Blaubeuren wies und den Nahverkehr von und nach Türkheim, Oppingen, Nellingen und Aufhausen aufnahm.

Und schließlich die Stöttener Steige, die die Verbindung nach Donzdorf und Schwäbisch Gmünd war und die Dörfer Stötten, Schnittlingen, Nenningen und Weißenstein mit Geislingen verband.

Lediglich die jüngste, die Oberböhringer Steige, führte zu dem 1790 nach Plänen von Michael Knoll erbauten Weiler Oberböhringen und weiter nach Unterböhringen. Sie war eine reine lokale Straßenverbindung.

Neben diesen Fahrsteigen gab es drei weitere Wegverbindungen von kleinen Weilern zur Stadt, den Wittinger Steig, den Hofstetter Steig und den Gmünder Steig, die die Weiler Wittingen, Hofstett am Steig und Kuchalb verband.

Man unterschied zwischen einer Steige (mhd: ‚staiga‘) und einem Steig (mhd: ‚stic‘). Im Gegensatz zu einer Fahrsteige war ein Steig (schwäbisch auch: Stich) ein steiler Pfad, der zu Fuß oder mit einem Lasttier (Esel) begehbar war und nur eine lokale Verbindung darstellte.

Die Fahrsteigen in den Geislinger Talkessel war früher für die Bauerndörfer rund um Geislingen von größter Bedeutung, musste doch in heißen Sommern und kalten Wintern das Trinkwasser für Leute und Vieh mit Transportfässern aus dem Tal in die Dörfer transportiert werden.

Die Steigen waren steil und bei beladenen Wagen für die Zugtiere sehr beschwerlich, egal ob es bergab oder bergauf ging. Bergabwärts galt es, den Schub des Wagens mit Bremsblöcken auf den Hinterrädern zu drosseln, bergaufwärts musste dafür gesorgt werden, dass die Zugtiere nicht an besonders steilen Passagen zum Stehen kamen. Schwierig wurde es, wenn sich zwei Fuhrwerke auf der Steige begegneten. Um aneinander vorbei zu kommen, gab es Ausweichstellen. Doch dazu mussten sich die beiden Fuhrleute einig werden, wer ausweicht und wer Vorfahrt genießen durfte.

Modell eines sechsspänniger Frachtwagens, wie er seit dem Mittelalter im Fernverkehr auf der Reichsstraße von Esslingen nach Ulm unterwegs war.
 
Für den schweren Fernfrachtverkehr gab es in Geislingen die sogenannten Hauderer. Sie boten den Fuhrleuten gegen Entgeld zusätzlichen Vorspann mit Zugtieren an, um die Steilheit der Albaufstiege bewältigen zu können.
Die Jahreszahl 1870 wurde anlässlich
 der Erbauung der neuen Türkheimer Steige in den Fels eingemeißelt.


Diese alten Fahrsteige erfüllten ihren Zweck bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Mit dem Eisenbahnbau und der Industrialisierung des Geislinger Talkessels wurde der Transportverkehr dichter, und der Bahnhof in Geislingen brachte Menschen und Güter nicht nur in die Stadt sondern auch zu den umliegenden Albdörfern.

Die neue Weiler Steige wurde, wie hier im Fels eingehauen,
 1919 - 1921 in schwerer Nachkriegszeit erbaut.
Dadurch wurden neue Fahr-steigen erforderlich, die den neuen Verkehrsanforderungen gerecht sein mussten. So wurden 1824 die neue Geislinger Steige nach Ulm, 1865 die neue Stöttener Steige, 1870 die neue Türkheimer Steige, 1815/16 die neue Oberböhringer Steige und 1921 schließlich die neue Weiler Steige gebaut und in Betrieb genommen. Waren das anfangs noch Kalkstraßen so wurde mit dem zunehmenden Kraftverkehr im 20. Jh. die Straßen asphaltiert und sowohl berg- wie hangseitig gesichert.



 

Montag, 27. Januar 2014

Belagerung und Zerstörung des Helfensteins 1552 Teil 3


3. Akt: Die Zerstörung der Burg


Am Ende des überkommenen Chronikmanuskripts steht schlicht und einfach: 'Und wie kaiserl. Majestät für Metz kommen ist, hat man das Haus Helfenstein abgebrochen, im J. 1553 ists geraumet worden.'

Der letzte Satz des Chronisten lautet: 'Und es wäre noch viel darüber zu sagen, daß man nit Alles schreiben kann, aber das ist nur ein Wenig geschrieben zu gedenken.'

Deutlich gibt damit der Verfasser seinem Bedauern über die Geschehnisse Ausdruck. Man sieht ihn geradezu resignierend abwinken, als er die Feder gewissermaßen niedergelegt hatte. Es ging ihm hauptsächlich darum das Andenken an die Ereignisse des Jahres 1552 zu bewahren und weniger darum, sich in weiteren Einzelheiten über den Abriss der Burg zu ergehen. Vielleicht ging ihm die Zerstörung der Burg zu nahe, als dass er diese beschreiben wollte. Viel eher war ihm daran gelegen, die Erinnerung an die Burg zu erhalten, indem er seinem Manuskript eine Beschreibung der Festung Helfenstein und deren Verwaltung beifügte. Es handelt sich dabei um die einzige authentische Beschreibung der Burganlage, wie sie kurz vor ihrer Schleifung bestanden hatte.

Doch zurück zum Schicksal der Burg Helfenstein. Noch während der Belagerung erhielt Bürgermeister Sebastian Besserer vom Ulmer Rat die Weisung, 'wenn das Schloß erobert sei, so solle man dasselbe mit Hakenschützen und ein Dutzend Bauern besetzen, aber nur vorübergehend unter Aufsicht von ein oder zwei Amtleuten; denn es sei vorderhand in Aussicht genommen, keinen militärischen Posten mehr auf das Schloß zu geben. Die Wiederaufrüstung des Schlosses könnte später mehr zum Nachteil sein (durch ähnliche feindliche Einfälle); ferner sei das Schloß durch die Belagerung so arg mitgenommen, daß der Wiederaufbau große Summen benötigen würde'.

Von Ulm abgesandte Sachverständige begutachteten unmittelbar nach der Rückeroberung den Zustand der Festung, ob es geraten wäre, sie auszubessern oder gänzlich zu zerstören. Am stärksten war die Mauerflanke zum Ödenturm hin zerstört, während die nordöstlichen Mauernzüge aufgrund ihrer Stärke weniger beschädigt waren. Bei den Ausgrabungen Burkhardts wurden dort allerdings die meisten Geschützkugeln gefunden. Sie sind im Heimatmuseum ausgestellt.

Weiter wurde damals befunden, das Schloss sei in seinen Wohnräumen sehr bescheiden. Als fürstliche Wohnung eigne es sich nicht mehr. Die Unterhaltung käme durch die entstandenen Unkosten zu teuer.

Am 15. September 1552 wurde im Ulmer Rat mehrheitlich beschlossen, das Schloss abzutragen. Schon am 19. September begann der planmäßige Abbruch. Ein Teil der brauchbaren Steine wurde in Ulm zum Bau eines Kanals der Blau durch die Stadt verwendet, ein anderer wurde zur Verstärkung der Geislinger Stadtbefestigung beim Mühltor gebraucht. Auch die Geislinger werden sich bei dieser Gelegenheit mit Baumaterial versehen haben, ebenfalls die Bauern der Umgebung. Ein kleiner Rest blieb stehen, der 200 Jahre später gesprengt wurde.

So entstand mit der Zeit eine ebene Fläche im ehemaligen Burghof, das 'obere Wiesle'. Alles war überwachsen, und keine Spur zeigte an, dass hier einmal stattliche Bauten gestanden hatten.
 
 
Die Burgruine Helfenstein, kurz nach der Restaurierung der nachgewiesenen Grundmauern, 1938
 
Das Nachspiel
 
 
Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts war der Helfenstein ein stiller Ort geworden, der zum Verweilen einlud. In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde dort stimmungsvoll mit einem schlichten Holzkreuz als Gefallenenmahnmal den Opfern des ersten Weltkrieges gedacht. Ein aus Fichtenstangen gezimmerter Pavillon lud wie auf dem unteren Wiesle zum Rasten ein und gewährte einen Ausblick auf die Stadt und ihre Umgebung.
 
 
Doch mit Beginn der 30er Jahre hatte die beschauliche Ruhe dort oben zunächst ihr Ende gefunden. Unter der Leitung von Studienprofessor Georg Burkhardt wurden 1932 im Zuge einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme systematische Ausgrabungen durchgeführt, die nicht nur die Grundmauern der gesamten Burganlage ans Tageslicht förderten, sondern auch die damaligen Stadtväter dazu veranlasste, die beiden Mauernzüge der Burg mit ihren Rondellen, den Aussichtsturm anstelle des ehemaligen Pallas und die Zisternen in den beiden Burghöfen wieder zu errichten, so dass zumindest die Ausmaße der ehemaligen Burganlage nachvollziehbar wurden. Diese Restaurierungsarbeiten dauerten bis 1938 an, und die nun weithin erkennbare Festungsruine krönte fortan wieder die Fünftälerstadt.
 
 
Die Ruine Helfenstein trug seither maßgeblich dazu bei, dass Besucher aus weiten Teilen des Landes hierher kamen, um die stattliche Burganlage kennen zu lernen und die herrliche Aussicht über den Talkessel zu genießen.
 
 
Vielfältige Ausgrabungsfunde gelangten in das Museum im Alten Bau Geislingen, wo sie bis heute die Alltagsgeschichte auf der Burg vermitteln. In der Folge dieser Ausgrabung und Rekonstruktion des Helfensteins setzte zugleich eine Welle der Helfensteinerforschung ein, die vieles über die wechselvolle Geschichte des Grafengeschlechts aufdeckte und der Öffentlichkeit zugänglich machte. In erster Linie ist dabei Georg Burkhardt zu nennen, der als Vorsitzender des damaligen Altertumsvereins - heute Kunst- und Geschichtsverein Geislingen - in den 'Geschichtlichen Mitteilungen von Geislingen und Umgebung' und im ersten Band der 'Geschichte der Stadt Geislingen' die wichtigsten Forschungsergebnisse veröffentlichte.
 
 
 

Literatur:

Burkhardt, Georg: Geschichte der Stadt Geislingen, 1963, Bd. 1, S. 88ff.

Hiller, Max: Die Zerstörung des Helfensteins 1552, in: Geschichtliche Mitteilungen von Geislingen und Umgebung, Heft 13, 1952, S. 131ff.
 
 
 
 

Samstag, 25. Januar 2014

Belagerung und Zerstörung des Helfensteins 1552 Teil 2


Das Zwischenspiel


Innerhalb der markgräflichen Besatzungstruppen kam es offenbar nach Abzug des Markgrafen zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten und Machtstreitereien zwischen den beiden Kommandeuren, die damit endeten, dass 'Auf Sonntag nach Pfingsten Anno 1552 ... der Reysensteiner den Hornung zu Geißlingen in der Heerberg zu der Krone auf der Lauben' erschoß. 'Nach demselben kam Wilhelm von Kaltenbach, der hielt sich wohl mit denen von Geißlingen.'

Aus dem letzten Halbsatz lässt sich erschließen, dass offenbar der Hornung gegenüber der Geislinger Bevölkerung seine Machtposition ausgespielt und für Unfrieden und Angst gesorgt hatte, was schließlich zu der blutigen Konfrontation der beiden Kommandeure führte.

Zugleich ritt der Reysensteiner überall im Ulmer Land herum, warb Landsknechte und Schützen an und ließ weder Fuhrleute noch Bauern mit Frucht, Holz oder Wein nach Ulm fahren. Diese Blockade der Reichsstadt durch die Markgräfler dauerte vom Dienstag nach Ostern bis Ende Juli 1552.

Inzwischen nahmen die kriegerischen Vorbereitungen der Ulmer zur Rückeroberung ihrer Herrschaft allmählich Gestalt an. Der am Hof des Kaisers in Innsbruck weilende Hans Ungelter bat Anfang Mai im Namen des Ulmer Rats den Kaiser um 200 schwer bewaffnete Reiter, um den Feind im eigenen Territorium zum Abzug zu zwingen und zur Wiedereinnahme der vom Feinde besetzten Schlösser, Flecken und Städte beizutragen.

Der Kaiser war der Stadt Ulm wegen ihrer Treue wohlgesonnen und kam der Bitte entgegen. Schon am 15. Mai berichtete Hans Ungelter, dass der Kaiser Hilfe nach Ulm schicke; die Truppen würden in Konstanz zusammengezogen. Im Auftrag des Kaisers kam am 22. Juni der Obrist Konrad von Bemmelberg in Ulm an, um die fünf Fähnlein, die Ulm bisher selbst bezahlt hatte, in des Kaisers Sold zu nehmen, noch weitere fünf Fähnlein zu werben und daraus ein ganzes Regiment von zehn Fähnlein zu errichten. Dazu sollten weitere zehn Fähnlein Fußtruppen und 400 Reiter des Grafen Montfort eintreffen, die der Kaiser für die Treue der Stadt, samt den schon vorhandenen Truppen selbst in Sold nahm. Am 30. Juni erhielt Konrad von Bemmelberg vom Kaiser den Befehl, die von den Feinden besetzten Güter für Ulm zurückzuerobern.
 

Geislingen von Westen mit der Darstellung der Belagerung und Wiedereinnahme der Burg Helfenstein durch die Ulmer 1552. Gouache auf Pergament, 2. Hälfte 16. Jh., Museum im Alten Bau Geislingen







 
2. Akt: Die Belagerung und Beschießung der Festung Helfenstein durch die Ulmer

Am Donnerstag vor Laurentius, dem 4. August 1552, rückte nun Konrad von Bemmelberg, begleitet von Sebastian Besserer, dem vormaligen Bürgermeister und damaligen Kriegsmeister von Ulm, mit acht Fähnlein aus dem Ulmer Regiment, einem Geschwader Reisigen und Geschützen vor die Burg Helfenstein und sie schlugen, wie der Chronist berichtet, 'das Lager ob dem Rinderthal auf der Alb und schanzten daselbst'.

Und weiter heißt es: 'Da ward aber das Schießen so groß aus dem Schloß, daß sie die Hütten den mehrsten Theil in die Halten macheten und wichen aus dem Lager. Und die erst Schanz wollt nichts guts thun, da machten sie eine Schanz zuvorderst auf dem Berg.'

Die Gegenwehr aus dem Schloss gegen die heranrückenden Ulmer war offensichtlich sehr massiv, was dazu führte, dass die Belagerung und Beschießung der Burg zunächst aus Mangel an Schutz zu scheitern drohte. Es ist anzunehmen, dass die Ulmer ihre Geschütze auf der dem Schloss nördlich vorgelegenen Höhe mit Einsicht in den Schlosshof in Stellung brachten und dabei von der feindlichen Burgbesatzung durch andauernde Beschießung empfindlich gestört wurden.

Anderntags hatten schließlich die Ulmer ihre Geschütze vollends in Stellung gebracht und über das besetzte Dorf Weiler mit einem 'Fähnlein Knecht' einen Vorstoß auf die Burg gewagt, der allerdings zurückgeworfen wurde. Währenddessen war das Artilleriegefecht zwischen den Ulmern und der feindlich besetzten Burg Helfenstein und Stadt Geislingen in vollem Gange.

'Und die von Ulm handt in ihrer Schanz gehabt 12 großer Stuck (Kanonen); die Ladung hat gewogen 67 Pfundt. Eine solche Kugel ist in die Kron in die Herberg geschossen worden. Aus diesen Stucken haben sie fast alle Tag 200 Schüß oder mehr gethan. Und wenn ein Schuß in das Schloß gangen, seindt zween heraus gangen. Und auf den andern oder dritten Tag haben die von Helfenstein denen von Ulm in die Artelerey oder in ihre Pulverwägen geschossen, daß Alles verbrannt ist worden und viel Volks dazu. Aber die Ulmer haben ihnen die hohe Wehr abgeschossen, daß sie über zween oder drei Tag haben nit uß der hohen Wehr schießen können.'

Zwei Tage lang dürfte demnach das Belagerungsgefecht unentschieden gewesen sein. Erst nachdem es den Ulmern gelang, das feindliche Geschützfeuer aus dem Wehrgang des Darließ (Geschützturm) zu unterbinden, senkte sich die Waagschale zu ihren Gunsten. Als sie dann schließlich am vierten Tag vier weitere schwere Geschütze beim Ödenturm in Stellung brachten, konnte von beiden Seiten die Burg beschossen werden. Die Belagerung schritt nun rasch vorwärts.

Das erkannten auch die Geislinger Bürger, die bis dahin größtenteils markgräfisch gewesen sein mochten, und am Dienstag, den 9. August, 'zogen die von Geißlingen in das Lager und baten um Gnad – das wussten die Knecht im Schloß.'

Es bleibt unklar, welche Rolle die Geislinger Bürgerschaft gespielt hat. Denkbar sind zwei Positionen. Die eine Alternative wäre, dass die Geislinger Bürger aufgrund der Besatzung von Burg und Stadt gezwungenermaßen auf der Seite der Markgräfler stehen mussten, um nicht gebranntschatzt zu werden, wie es manch anderen Gemeinden im Ulmer Land ergangen ist. Das hieße, die Bürgermeister der Stadt hätten gute Miene zum bösen Spiel gemacht, nur um Hab und Gut und Leib und Leben zu retten.

Andererseits ist es durchaus denkbar, dass die Geislinger Bürgerschaft unter der Führung ihrer Bürgermeister den Markgräflern gerne die Tore der Stadt geöffnet hatten und in der offenen Parteinahme mit den Angreifern sich gegen die drückende Ulmer Herrschaft auflehnten, die sie seit über 150 Jahren zu ertragen hatten. Vielleicht hatten sie die einmalige Chance gesehen, sich ein Stück Eigenständigkeit zu erkämpfen, wenn sie die Partei der Markgräfler ergreifen würden.

Die Tatsache jedenfalls, dass die Geislinger bei den Belagerern um Gnade baten, ihnen wieder ihre Stadttore öffneten und sich damit den Ulmern auf Gedeih und Verderb ergaben, zeigt an, dass weiterer Widerstand sinnlos geworden war.

Dies erkannten auch sofort die Markgräfler Landsknechte in der Burg und der Chronist berichtet: '... da handt die Knecht im Schloß Gemeindt gehalten und hat sie der Hauptmann (Wilhelm von Kaltenbach) freundlich gebeten, sie sollen bei ihm bleiben, da wöll er Leib und Gut bei ihnen lassen. Aber es half nichts. Um 8 oder 9 Uhr vor Mitternacht, da brachen die Knecht ein Loch durch den Thuren heraus, der Rappen Thurm genannt, und fielen ihrer viel von dem Hauptmann, daß er nit mehr die halbe Anzahl bei ihm hatte.'

In derselben Nacht schickten die Ulmer ein Fähnlein Landsknechte in die Stadt und besetzten diese. Vier Geislinger Bürger wurden ins Schloss hinauf geschickt, um zu erkunden, ob das Schloss von den Feinden verlassen worden wäre, denn die gefangenen fahnenflüchtigen Markgräfler Landsknechte gaben Anlass zu dieser Annahme. Doch die restliche Besatzung der Burg hielt in dieser Nacht noch trotzig aus, denn es heißt in der Chronik weiter: 'Und da (solange) die von Geißlingen marggräfisch waren, schoßen die von Ulm in die Stadt Geißlingen. Und da sie (nun) wieder ulmisch waren, schoßen die marggräfischen herab in die Stadt. Und an dem Morgen (danach) schuß niemand (mehr).'

Am Dienstag, den 10. August, um 8 Uhr morgens ergaben sich die noch in der Burg verbliebenen Markgräfler. Ihr Hauptmann verhandelte mit dem kaiserlichen Oberst Bemmelberg über die Übergabe des Schlosses und den freien Abzug seiner Truppen. Mittags nahmen die Ulmer den Helfenstein 'ungeplündert' und 'mit Geding' wieder in ihren Besitz. Die Markgräfler durften unter Geleit bis zur nächstgelegenen Grenze des Ulmer Landes abziehen.